Der Aufpicker

8
Die Vögel brüten ab Mitte März in den Hecken, Büschen und Bäumen der Erpeler Ley. Unserem Dorfmeister drängte sich auf einmal laut diese ungewöhnliche Stille auf. Die Vögel verhielten sich auffällig ruhig. Sie duckten sich brütend oder schon hudernd ins Nest.

Unter der Eiche am ehemaligen Café und Restaurant Bergesruh hätte Friedl Kraft beinahe ein winziges nacktes Vogelküken übersehen, das nahe bei seinem Stiefel tot am linken Wegesrand lag. Aus dem Nest gefallen. Oder herausgestoßen?

Es kommt ja vor, dass Vogeleltern manche Küken nicht aufziehen wollen oder können.
Gestern noch hatte unser Dorfmeister einen geschliffenen journalistischen Beitrag im Wochenblatt gelesen, in dem es um die sogenannte "Neiddebatte" ging.

Sinngemäß war da zu lesen: Neiddebatte? Von wegen. Wenn Politiker das Wort „Neiddebatte“ nutzen, wollen sie meist eine Gerechtigkeitsdebatte im Keim ersticken. Doch das Gegenteil ist richtig: Es geht hier um Macht, Chancen und faire Teilhabe.
In der Natur mag das Recht des Stärkeren gelten – dort wird oft das erstgeborene Küken gemästet, während das schwächste verhungert. Doch wir Menschen haben die Freiheit zu entscheiden, welche Art von Wesen wir sein wollen. Wir können uns dazu entschließen, „menschlicher“ zu werden, indem wir den Wert eines Individuums nicht an seiner Stärke messen. Wir können uns bewusst um die Kranken und Schwachen kümmern, statt dem biologischen Futterneid zu folgen. Wahre politische Größe verbietet keine Neiddebatten, sondern entzieht ihnen die Grundlage – durch echte Gerechtigkeit.

Natürlich kam seine Greifzange jetzt nicht infrage, schon gar nicht der Aufpicker. Mit der Hand nahm Friedl Kraft das aus dem Nest gestürzte Vögelchen auf und begrub es sanft unter einer dicken Schicht Laub zwischen den mächtigen Wurzeln der Traubeneiche.